Pendeln mit der Bahn in 2026 – was alles schiefgehen kann und wird, erklären wir in diesem Artikel. Wir als Redaktion haben die Bahn lange Zeit geliebt, dann noch viele weitere Jahre verteidigt. Aber jetzt reicht es.
Es gibt Menschen, die schwören auf das Auto. Die morgens ins Steuer greifen, ihre Lieblingsplaylist starten und sich durch den Berufsverkehr kämpfen – und das als Freiheit empfinden. Wir waren nie diese Menschen.
Wir sind grundsätzlich Bahn-Fans. Wir glauben ans Schienennetz, an geteilte Mobilität, an eine Zukunft ohne Verbrenner. Wir haben neue Ticket-Akionen enthusiastisch begrüßt. Wir haben Freunden und Familienmitgliedern erklärt, warum Zugfahren eigentlich toll ist. Aber dann kommt der Montagmorgen.
7:14 Uhr. Gleis 3 – zwischen Hoffnung und Wahnsinn
Der Zug sollte um 7:14 Uhr fahren. Die Anzeigetafel sagt: Verspätung – aktuell 18 Minuten. Eine Ansage folgt, akustisch so verzerrt, als würde jemand durch einen nassen Wollschal sprechen.
Was sie sagt, weiß hinterher niemand so genau. Der Mann neben uns schaut auf sein Handy, schüttelt den Kopf. Die Frau mit dem Rollkoffer seufzt auf eine Art, die eine ganze Lebensgeschichte enthält.
18 Minuten werden 31. Dann kommt der Zug – aber auf Gleis 5. Das steht nirgendwo. Wer nicht aufmerksam die winzige Laufschrift verfolgt hat, steht noch auf Gleis 3 und schaut dem abfahrenden Zug hinterher.
Das ist kein Einzelfall. Das ist Dienstag.
Pendeln mit der Bahn in 2026 und die besondere App
Eigentlich sollte die App helfen. Echtzeit-Informationen, Alternativverbindungen, Push-Benachrichtigungen. In der Theorie ist das alles wunderbar. In der Praxis meldet die App um 7:22 Uhr: Ihr Zug fährt pünktlich ab. Der Zug steht dabei seit zehn Minuten reglos auf einem unbekannten Gleis irgendwo im Nirgendwo.
Wenn die App dann doch eine Verspätung eingesteht, ist der Zug meistens schon weg oder längst da. Das Timing der Benachrichtigungen scheint einer eigenen Zeitzone zu folgen, die mit der mitteleuropäischen Normalzeit nur lose verwandt ist. Alternative Apps? Haben wir alle ausprobiert. Manche sind besser. Keine ist gut genug.
Klimaanlage: Ein Glücksspiel mit hohem Einsatz
Sommer 2025 hat uns gelehrt: Die Klimaanlage im ICE ist entweder aus, kaputt oder auf einem Level eingestellt, das an ein Rechenzentrum erinnert. Im Regionalexpress existiert das Konzept Klimaanlage konzeptuell, aber nicht physisch. Man sitzt, man schwitzt, man bereut.
Im Winter dreht sich das Bild. Dann heizt der Zug so intensiv, dass man nach zwanzig Minuten im Halbschlaf versinkt und die eigene Haltestelle verpasst. Beides haben wir in der Redaktion erlebt. Manchmal beides am selben Tag, auf Hin- und Rückfahrt.
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Der Anschluss, der nie wartet
Unsere Lieblingsabsurdität: der verpasste Anschluss mit Ansage. Der Zubringer hat 14 Minuten Verspätung. Der Anschlusszug wartet genau 0 Minuten. Man sieht ihn abfahren. Der Lokführer sieht einen rennen. Es gibt Augenkontakt. Der Zug fährt trotzdem.
Auf die Frage, warum der Anschlusszug nicht gewartet hat, obwohl das System die Verspätung längst kannte, lautet die Standardantwort: Der Anschlusszug hatte seinerseits Anschlüsse zu wahren. Es ist eine Kette des Scheiterns, bei der jeder Zug pünktlich für den nächsten davonläuft und alle Fahrgäste irgendwo auf dem Bahnsteig zurückbleiben.
Baustellen, Brücken und das ewige Warten
2026 wird gebaut. Das ist gut. Das ist notwendig. Aber es bedeutet: SEV. Schienenersatzverkehr. Das Zauberwort, das aus einer 40-Minuten-Fahrt eine 95-Minuten-Odyssee in einem Gelenkbus macht, der nach altem Leder riecht und dessen WLAN-Aufkleber eine Lüge ist.
Wir haben Verständnis für Infrastrukturmaßnahmen. Wir haben kein Verständnis dafür, dass die Ersatzbusse manchmal nicht existieren, zu spät kommen oder schlicht am falschen Ort halten.
Pendeln mit der Bahn in 2026 im Fazit? Es reicht
Kein versöhnliches Finale. Kein „aber eigentlich lieben wir die Bahn“. Und kein Appell in Richtung Hoffnung.
Wir sind es leid, einen Dienst zu verteidigen, der uns täglich im Stich lässt. Wir sind es leid, gegenüber Kolleg:innen zu erklären, warum der Zug wieder nicht kam. Wir sind es leid, für ein Deutschlandticket zu zahlen, das theoretisch überall gilt und praktisch nirgendwo zuverlässig funktioniert.
Jahrelang haben wir die Bahn in Schutz genommen. Haben gesagt: Die Infrastruktur ist alt, das Netz unterfinanziert, das alles braucht Zeit. Das stimmt alles. Und es interessiert uns nicht mehr. Denn während die Entschuldigungen gleich bleiben, werden die Verspätungen nicht weniger, die Durchsagen nicht verständlicher und die Apps nicht ehrlicher.
Irgendwo in einer Vorstandsetage sitzt jemand und spricht über „Mobilitätswende“ und „Fahrgasterlebnis“. Auf Gleis 3 steht jemand im Regen und wartet auf einen Zug, der laut App pünktlich ist und laut Realität schlicht nicht existiert.
Das ist der Zustand des deutschen Bahnverkehrs im Jahr 2026. Und nein – wir finden das nicht mehr okay.
Habt ihr auch Pendel-Erlebnisse, die ihr uns nicht ersparen wollt? Schreiben Sie uns. Wir lesen alles – nicht selten im SEV-Bus, mit schlechtem Netz und ohne funktionierende Klimaanlage.
Foto: Christina & Peter (Pexels)